aac austrian association of cinematographers

Verband Oesterreichischer Kameraleute

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Das war die Zeit von Bruno Kreisky damals“, erzählt Frey bei unserem Gespräch im Café Heumarkt über seine spannenden Anfangsjahre. „Wir waren viel mit Hans Benedict im Nahen Osten unterwegs.“ Von nun an fallen die Namen berühmter Menschen im Sekundentakt. Den damaligen Bundeskanzler Kreisky beschreibt Frey als „zwar volksnah, aber privat völlig unzugänglich“. Der ORF entwickelte sich in diesen Jahren vom Verkündigungssender zum Trendsetter, nicht zuletzt wegen des neuen Formats „ZIB 2“. Bis dahin berichteten Zeitungen oft noch aktueller als das Fernsehen, weil der ORF die Beiträge nie am gleichen Tag senden konnte. Mit neuer Kameratechnik (Video!) änderte sich auch das.
Einer seiner prägenden Redakteure war Alfred Stamm. Zu dem fällt Frey auch gleich eine lustige Geschichte ein: „Stamm wollte eine Geschichte über Saunagäste drehen. Der erste Drehtag war in einer privaten Sauna anberaumt, die Dame des Hauses hatte anfangs ein Handtuch um ihre Brüste gewickelt, Stamm sagte: ,Das Handtuch gehört aber auf die Liege!‘ Die Dame wollte wissen, wann denn der Beitrag gesendet werden würde. Als Stamm sagte: ,Um 22 Uhr‘, meinte sie: ,Na gut, dann wird mein Mann um 22 Uhr  halt etwas anderes machen müssen als Fernsehen.‘ Und legte das Handtuch ab.“

Klingt heute lustig, war aber damals ein Skandal. Der „Kurier“ zeigte Stamm in einer Karikatur nackt mit einem Kamerakabel um sein Gemächt gewickelt. Dem Arbeitsklima innerhalb des ZIB2- Teams schadete der Skandal allerdings nicht, im Gegenteil: „Die Stimmung war großartig! Da wurden Fesseln abgelegt, es herrschte Aufbruch.“ Frey verbrachte fast seine gesamte Freizeit mit den ORF-Leuten; Herbert Hamersky, der später bei einem Lawinenunglück ums Leben kam, war „eine Art Guru“ für ihn.

Kreuzers Musikverbot
Sie sollten damals immer mit einer Filmrolle einen Beitrag gestalten, das waren 10 bis 12 Minuten Material, beschreibt Frey die strengen Vorgaben. „Von der ersten Arbeit mit Hamersky kam ich aber mit sieben Rollen zurück! Da musste er zu der Frau, die hausintern ,John Wayne‘ genannt wurde und auf die Finanzen aufpasste. Beim nächsten Mal waren es dann nur noch fünf Rollen. . .“
Im Gegensatz zu heute, wo alle Beiträge viel kürzer sind und „in sich ausgewogen“ sein müssen, durfte damals ein Beitrag auch nur „Pro“ sein, andere dafür nur „Kontra“. Zum Beispiel Zwentendorf, als die Volksabstimmung gerade ins Haus stand. Da legte ein Redakteur als Musik das mahnende „Lied vom Tod“ über Freys „Kontra“-Bilder, woraufhin Franz Kreuzer, damals Intendant von FS2 und absolut fortschrittsgläubig, „Musikverbot!“für alle Filmbeiträge des Aktuellen Dienstes durchsetzte.

Gefährlich war die Arbeit manchmal auch. In Saudi-Arabien – während einer Reise mit Wirtschaftsbundchef Rudolf Sallinger zur Eröffnung einer Raffinerie - hatte Frey eine Polaroid mit dabei und fotografierte einen von der Leibgarde des Königs. „Der war ganz aus dem Häuschen, als er sah, wie sich das Bild vor seinen Augen entwickelte“, erzählt Frey. „Er wollte es unbedingt haben. Da kam schon der Zweite, der auch eines haben wollte, und dann kamen alle anderen auch. Ich machte ein Foto von der ganzen Gruppe und gab es einem, dann verschwand ich, so schnell ich konnte. Ich glaube, die streiten heute noch um das Foto!“ Verhaftet wurden sie aber erst, als sie an einem Feiertag un

unerlaubt eine Moschee filmten. Und nur weil zufällig gerade Österreicher dort auf der Polizeistation waren, die für sie übersetzen konnten, kamen sie wieder frei.
Karl Löbl, der berühmte Opernkritiker, holte Frey 1982 in die Hauptabteilung Kultur. Löbl berichtete mit seiner Sendung „Nach der Premiere“ immer live aus der Oper und war damit allen ans Herz gewachsen – oder auch nicht. „Er hatte ja ein Glasauge“, plaudert Frey aus dem Nähkästchen, „und mit dem anderen schaute er schief. Und dann noch diese riesige Brille!“ Manche Kameraleute packten also das Weitwinkel aus, filmten 20 cm vor seiner Nase herum und hielten noch einen Riesenscheinwerfer auf ihn drauf. „Da schaute er schon manchmal zum Fürchten aus!“ Frey hingegen filmte ihn dezent mit wenig Licht und ohne Weitwinkel, und das gefiel Löbl deutlich besser.

Geborener Erzähler: Gerald Frey heute. Foto: RebhandlDie Netrebko
So gab es in der Folge gewissermaßen als Belohnung viel Oper im Leben des Gerald Frey. Er war dabei, als in Salzburg 2005 die berühmte „La Traviata“ gezeigt wurde, mit der „die Netrebko“ groß herauskam. „Bei den Proben lief die aber damals noch herum wie die Raumpflegerin, völlig unscheinbar. Sie brachte kein Wort heraus, alles drehte sich nur um Villazon.“ Damals hätte also vielleicht auch ein einfacher Kameramann noch eine Chance bei ihr gehabt? „Vielleicht“, lacht Frey. Aber er war damals und ist noch immer glücklich verheiratet.

Am schönsten waren für Frey stets die Proben zu den Neujahrskonzerten im Musikverein, und dort beeindruckte ihn vor allem Nikolaus Harnoncourt. „Wie der die Proben unterbrach, um eine Viertelstunde oder länger zu erklären, wie das Stück entstanden ist, wie es vom Komponisten gedacht war, und warum man das jetzt so und so spielen muss . . .“ Davon schwärmt Frey noch heute, und er wird selbst ganz andächtig, als er weiter erzählt, wie dann „alle ganz andächtig lauschten, bis sie wieder anfingen zu spielen“. 
Seine vielen Reisen führten Gerald Frey ein paar Mal um die Welt, und dabei auch bis auf die Fidji-Inseln, wo er mit ORF-Kulturmann Martin Traxl Ellen Umlauf, die „Frau Kaiser“ aus dem „Kaisermühlenblues“, besuchte. „Alleine die Erdäpfel dort waren die weite Reise wert, herrliche Trümmer!“ Die gute Frau Umlauf ist dann einen Monat später in Neuseeland leider an einer Kohlenmonoxydvergiftung verstorben. Und er selbst wäre auch fast nicht mehr zurückgekehrt, denn kurz vor Abflug ereilte ihn der erste von drei Bandscheibenvorfällen.
Kameramannschicksal?
„Vermutlich schon“, sagt er. „Wir mussten ja wirklich sehr oft sehr viel herumschleppen.“ Einmal waren sie mit den Philharmonikern in Tokio, bei einem der umjubelten Gastspiele. Sie schleppten ihr Equipement durch die Stadt, aber diesmal mit dem scheinbar unprätentiösen Opernstar Thomas Hampson an ihrer Seite. Irgendwann sagte der: „Geben Sie mir doch eine Tasche und das Stativ!“

Die Prinzessin
Weniger erfreulich war die Begegnung mit Claude Lanzmann, der seinen Film „Shoah“ auf der Berlinale zeigte. Frey war mit Koschka Hetzer dort. „Der Film dauerte zwölf Stunden. Wir blieben die ersten drei und kamen dann wieder in der Früh zum Schluss des Films und zum Gespräch mit dem Regisseur.“ Koschka Hetzer fragte, ob denn zwölf Stunden nicht zu lange wären, und Lanzmann fing an, sie fürchterlich zu beschimpfen. Und das Publikum, das zwölf Stunden durchgehalten hatte, schimpfte gleich mit.
Ein Höhepunkt in seiner an Höhepunkten reichen Karriere?
Es war in Venedig bei der Biennale, Frey stand beim Eingang. Er sah eine riesige Traube an Fotografen und Kameraleuten auf sich zukommen. Plötzlich stand Prinzessin Diana vor ihm, schnappte sich ein Kind und knuddelte es, und alle wollten sie dabei fotografieren. Die hinter ihr drängten in seine Richtung, die hinter ihm schoben in Richtung der Lady. Und er mitten drin.
Kann er sagen, wieviele Beiträge er insgesamt gedreht hat?
„Ungefähr 15.000“, sagt er.
Nun schimmert leise Wehmut in seinen Augen, die er sich kürzlich lasern ließ. Und dann reden wir noch stundenlang weiter. Denn wer viel erlebt hat, der hat auch viel zu erzählen.


RebhandlManfred Rebhandl, geb. 1966,
lebt als Autor in Wien. Zuletzt ist
von ihm der Krimi „Töpfern auf
Kreta“ (Czernin, 2015) erschienen.