Review AAC Goes Diagonale
FILM MEETING bei der DIAGONALE 2026 –
Gegen die Beliebigkeit der Bilder: Plädoyer für filmische Präzision
Am ersten Tag des FILM MEETINGs im Rahmen der diesjährigen DIAGONALE in Graz gestaltete der AAC gemeinsam mit den CINEMATOGRAPHINNEN am 19. März 2026 eine der beiden Lectures (15:15–17:15 Uhr).
Unter dem Titel „Von 1001 Wörtern zu 101 Bildern – Visuelle Umsetzung des Drehbuchs im Spiel- und Dokumentarfilm“ gab die renommierte Kamerafrau Sophie Maintigneux Einblicke in ihre Arbeitsweise.
Den Auftakt bildete ein Gespräch zwischen der Kulturmanagerin und Dozentin Eva Fischer und der Filmemacherin und Künstlerin Claudia Larcher zum Thema „Den Bildern voraus. Neuausrichtung und Resonanz in Zeiten generativer KI“(15:15–16:00 Uhr). Damit wurde ein aktueller Diskurs eröffnet, der die Rolle von Bildproduktion im Spannungsfeld technologischer Entwicklungen beleuchtete.
Im Kontrast dazu richtete Sophie Maintigneux den Fokus ihres Vortrags bewusst auf den individuellen künstlerischen Zugang sowie auf die präzise Vorbereitung filmischer Arbeit. Anhand ihrer Methode, ein Drehbuch in mehreren Durchgängen zu analysieren, erläuterte sie, wie sich eine visuelle Konzeption schrittweise entwickelt. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Ausarbeitung von Figurenzeichnung und Genre, die in enger Zusammenarbeit mit der Regie in eine differenzierte Bildsprache übersetzt werden. Aspekte wie Kadrage, Rhythmus, Farbgestaltung, Perspektive, Licht und Kamerabewegung werden dabei gezielt aufeinander abgestimmt.
Im anschließenden Gespräch mit Kameramann Volker Gläser und anhand von Ausschnitten aus „Das Zimmermädchen Lynn“ (Regie: Ingo Haeb) wurde deutlich, dass sich diese Haltung nicht in Stilfragen erschöpft. Maintigneux’ Arbeit zielt auf den Subtext – auf jene Bedeutungsebenen, die sich nur im Bild entfalten. Ihre Kamera zeigt nicht einfach, sie positioniert.
Gerade im Kontext gegenwärtiger KI-Debatten gewinnt dieser Ansatz an Relevanz: Wenn Bilder jederzeit generierbar sind, verschiebt sich ihr Wert von der Herstellung zur Haltung. Nicht die technische Möglichkeit entscheidet, sondern die künstlerische Notwendigkeit.
Die lebhafte Diskussion im anschließenden Q&A unterstrich das große Interesse an ihrer Arbeitsweise, sodass aus Zeitgründen auf die angekündigten Beispiele aus dem Dokumentarfilm verzichtet werden musste. Auch nach Veranstaltungsende setzte sich der intensive Austausch fort: Zahlreiche angehende Kameraleute nutzten die Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen mit Sophie Maintigneux.
Die Veranstaltung erwies sich als sehr gelungen und bot eine differenzierte Auseinandersetzung mit der visuellen Umsetzung von Drehbüchern sowie der Entwicklung einer eigenständigen Bildsprache, die wesentlich zur subtilen Charakterisierung von Protagonist:innen beiträgt.
Unser besonderer Dank gilt Sophie Maintigneux für ihre Offenheit und die eindrucksvollen Einblicke in ihre künstlerische Praxis!
(Gaby Reisinger)
